Mummpitz Theater

„Unsere erste Kulisse bestand noch aus Hoesch-Pappe“, schmunzelt Arnd Naber, Gründungsmitglied der Theatergruppe „Mummpitz“, wenn er an die Anfänge des nunmehr seit über 20 Jahren bestehenden Ensembles denkt. Mit feuchten Händen und voller Aufregung fieberten die Mummpitze am 2. September 1989 ihrer Premiere entgegen und spielten vor über 100 Zuschauern mit „Hier sind Sie richtig“ ihr erstes Stück. Damals hätte wohl niemand gedacht, dass dem Debüt noch so viele weitere Produktionen voller Frohsinn und Humor auf den Bühnenbrettern im Werkhof folgen sollten. Und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht …

Die Wurzeln des Amateurtheaters Mummpitz liegen sogar noch früher in einer Theater-AG des Hohenlimburger Gymnasiums, die von Barbara Laatsch betreut wurde. In den frühen 80-er Jahren servierten die Schüler in der Realschulaula mit großem Erfolg Stücke wie „Unsere kleine Stadt“ oder „Zieh den Stecker raus, das Wasser kocht“. Mit dem Abitur kam jedoch das Ende der Arbeitsgemeinschaft – der Einstieg ins Berufsleben verstreute die Mitglieder in alle Winde. So ganz aus den Augen verloren sich einige der Theaterfreunde dennoch nicht. Und als sich sechs der früheren AG-Mitglieder 1988 bei einer Aufführung ihrer schauspielernden Nachfolger am Gymnasium wieder trafen, keimte spontan die Idee auf: „Lasst es uns doch auch noch einmal versuchen.“

Bei der Namenssuche für die alte, neue Gemeinschaft tat man sich zunächst schwer. Bis Frank Buttgereit nach etlichen, wenig zündenden Vorschlägen ausrief: „Das ist doch alles Mumpitz!“ Weil man sich bei Feiern gern der Sektmarke „Mumm“ bediente, schrieb sich die Theatergruppe kurzerhand mit Doppel-M – Mummpitz war geboren.

Und hat bis heute Tausende von Besuchern begeistert – „bis zu 2.000 Menschen besuchen eine Aufführungsserie“, berichtet Ralf Schlüter, der mit „Allein in der Sauna“ auch Solo-Pfade beschreitet, ohne sich jemals vorstellen zu können, Mummpitz zu verlassen.

Von Anfang an war der Saal des Werkhof-Kulturzentrums die Heimat der munteren Truppe. Neben einigen Gastspielen in Iserlohn und Hagen sind die Mummpitze mittlerweile aber auch fester Bestandteil der jährlich stattfindenden Schloßspiele. Intendant Peter Schütze nimmt die Amateure immer wieder gern in den Reigen der professionellen und ambitionierten Darbietungen auf, denn nicht zuletzt lohnen sich die Aufführungen des Amateurtheaters im altehrwürdigen Gemäuer über der Stadt für die Veranstalter auch finanziell.

„Ihr könntet sogar das Telefonbuch spielen, und die Leute würden sich biegen vor lachen“, krittelte indes einmal ein kultureller Leiter des Werkhofes, nachdem er eine eher missglückte Generalprobe mit Kopfschütteln verfolgt hatte. Natürlich war die umso gelungenere Premiere zwei Tage später wieder ein Riesenerfolg vor ausverkauftem Haus. Seitenhiebe, wonach vor allem Freunde und Angehörige im Saal sitzen, wenn Mummpitz spielt, ziehen freilich längst nicht mehr. „Dann hätte ja jeder von uns eine 200-köpfige Verwandtschaft“, gibt Heike Himmel zu bedenken.

Tatsächlich wächst die Anhängerschaft von Jahr zu Jahr, und jedes Mal gibt’s Komplimente von allen Seiten. „Wir haben noch nie eine Aufführung in den Sand gesetzt“, sagt Ralf Schlüter und wird nachdenklich: „Nur einmal, zwei Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center, mussten wir lange überlegen, ob wir unsere Komödie absagen sollten. Wir haben dann vor dem ersten Vorhang eine Ansprache gehalten, warum wir doch spielen, und das Publikum war an diesem Abend besonders dankbar.“

Die Mummpitze können übrigens nicht nur komisch. So hat sich die Gruppe auch schon erfolgreich an Krimis versucht, sogar an Stücken mit Umweltproblematik, und bei einer Veranstaltung zu Ehren Ernst Meisters im Hagener Karl-Ernst-Osthaus-Museum überzeugten die Schauspieler in der szenischen Lesung „Apologie des Zweifels“, die Erfahrungen aus dem I. Weltkrieg aufarbeitet.

„Pleiten, Pech und Pannen gab es natürlich auch“, blickt Andrea Plum, ebenfalls von Anbeginn dabei, zurück: „Da waren zum Beispiel einige legendäre Texthänger, bei denen wir auf der Bühne fast gestorben wären.“ In „Honigmond“ etwa, einem von zwei Stücken zum zehnjährigen Bestehen, hatte Heike Himmel einen Texthänger und bat Nicole Köhler, die sich gerade apathisch auf einem Bett befand, ihr aus der Patsche zu helfen. Doch „Nicki“ konnte auch nicht beispringen und entgegnete lapidar: „Ich lieg’ hier nur so `rum.“ Und Nadja Ehlers, mittlerweile nicht mehr dabei, kam in einem frühen Stück auf die Bühne und eröffnete der verdutzten Belegschaft: „Ich weiß nichts!“

Es gab indes auch schon Ladehemmung bei den Requisiten – etwa, als Michael Neugebauer im Agatha-Christie-Krimi „Zehn kleine Negerlein“ Andrea Plum zu erschießen hatte und die Schreckschusspistole versagte. Mit dem entschlossenen Ruf „Peng-Peng“ brachte „Neugi“ die Schauspielkollegin trotzdem um die Ecke, was der Szene zwar etwas Dramatik nahm, dafür hingegen einen kräftigen Schuss Komik einhauchte. Und „Nesthäkchen“ Melanie Buxhoidt stand bei einem ihrer ersten Auftritte im Schlosshof nicht nur im Badetuch, sondern unbeabsichtigt für Sekunden noch ein klein wenig luftiger vor den staunenden Zuschauern – „das hat uns ganz neue Publikumsschichten erschlossen“, witzelt Tanja Körfer über das Missgeschick ihrer Nichte.

Letztlich zogen sich die Darsteller noch immer selbst aus der Patsche, wenn’s mal in einer Aufführung „klemmte“, denn eine Souffleuse gibt es bei Mummpitz ebenso wenig wie einen Regisseur – stattdessen ist Teamarbeit angesagt. Das gilt im Übrigen auch für den Kulissenbau, und sogar an der Kasse sitzen Darsteller, die wenige Minuten später auf der Bühne stehen müssen. „Alles reine Nervensache“, versichert Roman Wissenbach, der mit dem Thema „Lampenfieber“ besonders souverän umzugehen weiß.

Eine Gage bekommt kein Ensemblemitglied für die Mummpitz-Auftritte: Das eingenommene Geld wandert in die Gruppenkasse, aus der alle Ausgaben (Gebühren für Aufführungsrechte, Saalmiete, Kostüme, Kulissen, Werbemittel etc.) sowie gemeinsame Unternehmungen finanziert werden. So sparte das derzeit aus fünf Damen und fünf Herren bestehende Ensemble über mehrere Jahre, um im Mai 2009 mit der Aida Luna zu einer viertägigen Jubiläumskreuzfahrt in See stechen zu können. Und vor vielen Jahren unternahm man einen mittelalterlichen Ausflug nach Linz, wo man in historischen Kostümen mit dem Dolche im Turmzimmer einer Burg speiste – begleitet von den Klängen eines Minnesängers. Dass der Abend für Nicky mit einem Sturz in den Stadtbrunnen endete, war allerdings nicht geplant.

Bliebe noch die Frage nach dem Lieblingsstück, wobei die Meinungen da auseinander gehen. „Currywurst mit Pommes“ etwa forderte das Ensemble mit pausenlosen Kostüm- und Charakterwechseln, „Arsen und Spitzenhäubchen“ hielt Paraderollen für einige Darsteller parat, und „Der nackte Wahnsinn“ sprengte mit einer zweistöckigen Kulisse sowie gleich acht Aufführungen in Serie alle Rekorde.

Neben den Ur-Mummpitzen Arnd Naber, Tanja Körfer, Ralf Schlüter, Andrea Plum und Nicole Köhler zählen heute Roman Wissenbach, Heike Himmel, Melanie Buxhoidt, Heiko Wetzel und Frank Schmidt zur Gruppe. So mancher frühere Darsteller konnte aus zeitlichen, künstlerischen oder vielen anderen Gründen das aufwändige Hobby der Schauspielerei nicht weiter führen – oder hat es im Gegenteil sogar zum Beruf gemacht, wie Indra Janorschke, heute u.a. im Theater an der Volme in Hagen. Gern denkt man an die ehemaligen Mitstreiter zurück, wenn Erinnerungen aufgewärmt werden. Mit Heiko Wetzel kehrte aber auch ein „Abtrünniger“ zurück, und mittlerweile klopft schon der eigene Nachwuchs an die Theatertür. Gut möglich also, dass den ersten 20 Mummpitz-Jahren noch viele weitere folgen werden.

Dem Publikum dürfte es allemal recht sein …

Zur Website vom Mummpitz Theater

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